Die Abnehmschule

Individuelle Wege zum Wohlfühlgewicht mit vernünftiger Ernährung und aktiver Lebensgestaltung

Selbst schuld am Übergewicht?

Fast alle Diäten und Abnehmprogramme gehen mehr oder weniger explizit von der Annahme aus, dass Übergewichtige selbst schuld an ihrem Zustand sind. Viele nehmen das für sich auch an, fühlen sich als Versager, weil sie es nicht schaffen, abzunehmen. Aber stimmt das überhaupt, ist es die eigene Schuld, wenn man zunimmt oder wenn man nicht abnimmt?

Wie meistens im Leben, lautet die Antwort nicht einfach ja oder nein. Tatsache ist aber, dass es Menschen gibt, die es leichter haben (im wahrsten Sinne des Wortes) und Menschen, die es schwerer haben. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Menschen, die mutwillig alles tun, um dick zu werden. Das scheint aber doch eine Minderheit zu sein. Die Mehrheit leidet doch eher darunter, den Veränderungen mehr oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein, eben nichts tun zu können.

Übergewicht in der Familie

Dick wird man ja nicht, oder zumindest nicht nur aus eigenen Antrieb. Viele Übergewichtige hatten schon als kleine Kinder Übergewicht externer Link, sind schon von Kind auf an ein dickmachendes Essverhalten, an eine dickmachende Lebensweise gewöhnt worden. Und falls es so etwas geben sollte wie eine genetische Disposition für Übergewicht, so liegt die auch eher nicht in der Verantwortung des Einzelnen. Und wann soll dann die Verantwortung beginnen? Der Säugling, das Kleinkind sind wohl nicht selbst verantwortlich, ist es das Schulkind, der Teenager? Wann beginnt die Verantwortung, und warum hat der eine an seinem 18. Geburtstag so eine Last zu tragen, der andere nicht?

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Übergewicht als Epidemie

Was aber vor allem gegen die These der individuellen Verantwortung, der individuellen Schuld am Übergewicht spricht, ist die Tatsache, dass es inzwischen doch schon so viele Übergewichtige gibt. Je nach Mess- oder Zählverfahren kommt man auf etwas mehr oder etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung, die zu dick ist. Es kann irgendwie nicht sein, dass jeder Zweite ganz alleine selbst schuld ist. Es muss noch etwas anderes geben.

Bei der Suche nach diesem anderen trifft man natürlich auf die heutige Lebensweise mit Essen im Überfluss, zuwenig Bewegung, zuviel Stress und zuwenig Schlaf. Auch wenn man bei jedem dieser Dinge sagen kann, dass der Einzelne einen Einfluss darauf hat, es in seinem Sinne zu gestalten, so muss man doch feststellen, dass das garnicht so einfach ist. Wer arbeitet, einen Haushalt zu versorgen hat, einkaufen und kochen muss, vielleicht noch Kinder zu versorgen hat, der merkt schnell, dass Stress und Schlafmangel den Alltag prägen, während für Bewegung keine Zeit bleibt und Essen zur Nebensache wird. Die Schuld am Übergewicht wird dann schnell zur individuellen Verantwortung dafür, nicht reich auf die Welt gekommen zu sein.

Hinzu kommt, dass gutes Essen auch heute noch eher teuer ist, während das, was uns von der Werbung als gesund und lecker angepriesen wird, oft nicht wirklich gut ist. Nicht jeder durchschaut die Tricks der Werbung, ist der, der es nicht tut, automatisch selbst schuld? Ist jeder selbst schuld, der unter Stress und Zeitdruck nicht spontan durchschaut, was hochqualifizierte Marketingabteilungen großer Konzerne uns präsentieren? Auch von der Politik ist nicht wirklich Hilfe zu erwarten. Gesetze ermöglichen ja erst die Handlungsweisen der Lebensmittelindustrie, die in vielen Fällen gerade darauf zielen, uns etwas vorzugaukeln, was nicht der Fall ist externer Link.

Warum sind nicht alle dick?

Natürlich kann man sich fragen, wieso diese gesellschaftlichen Randbedingungen, unter denen ja alle leben, nur die Hälfte dick machen? Zum einen ist es eine Frage der Privilegierung, manche haben einfach mehr Geld, können mehr für Essen und Ernährung ausgeben, können vielleicht auch Stress und Zeitmangel eher durch den Kauf von Dienstleistungen vermeiden. Bildung scheint auch eine Rolle zu spielen, denn wer die Machenschaften der Werbung durchschaut, wird natürlich nicht mehr so leicht drauf reinfallen. Aber auch die Lerngeschichte spielt eine Rolle. Wer von Kind auf gelernt hat, dass Essen das beste Mittel gegen Stress, Ärger, schlechte Laune und Kummer ist, der wird es schwer haben, in solchen Situationen eben nicht zu essen.

Auch die allgemeine Lebensperspektive spielt eine Rolle. Wer sowieso keine Chance hat oder keine Chance für sich sieht, dem wird es ziemlich egal sein, ob durch Übergewicht der Benachteiligung noch ein Aspekt hinzugefügt wird oder nicht. Depressionen und Hoffnungslosigkeit lähmen natürlich die Handlungsmöglichkeiten.

Hinzu kommen eher seltene Gründe für Übergewicht, die aber zusammengenommen eben auch eine Rolle spielen. Es gibt Medikamente mit dickmachenden Nebenwirkungen, es gibt hormonelle Fehlsteuerungen und genetische Defekte. Wer Medikamente nehmen muss, der hat oft nicht die Möglichkeit, sich einfach anders zu entscheiden, der Preis wäre schlicht zu hoch. Man kann auch schlecht von Schuld sprechen, wenn der eigene Körper bestimmte Hormone oder Botenstoffe nicht oder nicht richtig herstellt oder verarbeitet. Natürlich muss man hier aufpassen, dass man das nicht als Ausrede verwendet, aber es gibt einen wahren Kern.

Man kann zuviel Essen und Übergewicht auch als ein mögliches Symptom der krankmachenden Aspekte der modernen Lebensweise ansehen. Andere mögliche Symptome sind Alkohol- und andere Süchte, stressbedingte, "psychosomatische" Erkrankungen oder auch Medikamentenmissbrauch. Die Liste ist sicherlich nicht vollständig. Die Zahl der Betroffenen könnte aber deutlich höher sein.

Ist Übergewicht also Schicksal?

Es lässt sich also festhalten, dass Übergewicht nicht einfach auf persönliche, individuelle Schuld der Betroffenen reduziert werden kann. Trotzdem ist man als Übergewichtiger diesem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert. Wenn man die Mechanismen durchschaut, die dazu führen, dass immer mehr Menschen dick werden, dann kann man sich diesen Einflüssen zumindest teilweise entziehen. Man kann einfach etwas anderes kaufen als das, was die Werbung anpreist, man kann zumindest teilweise seinen Stress reduzieren, indem man sich darauf besinnt, was wirklich wichtig ist und was nicht. Man kann sich von diesem entweder-oder-Gedanken verabschieden, nach dem man entweder dick oder dünn ist. Man kann stattdessen jedes einzelne verlorene Kilo als Erfolg ansehen, das gewonnene Wohlbefinden genießen. Man kann akzeptieren, dass man zu denen gehört, die es schwerer haben und deshalb seine Ansprüche auf ein realistisches Maß herunterschrauben. Nicht jeder ist ein Model.

Die Schlußfolgerung ist, dass wohl kaum ein Übergewichtiger selbst schuld an seinem Gewicht ist. Allerdings wird es, selbst wenn die Schuldigen gefunden werden können, immer am Übergewichtigen selbst liegen, etwas zu ändern. Eine realistische Einschätzung der Schwierigkeit der Aufgabe, zusammen mit der Erkenntnis, dass das Erreichen von Zwischenzielen echte Erfolge darstellen, machen Abnehmen möglich. Auch wenn die Benachteiligung, es schwerer zu haben als andere, wohl ein Leben lang bestehen bleiben wird.

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